Down Syndrom und autistische
Störungen
Was wissen wir heute ?
George T. Capone, MD
Uebersetzung: Cora Halder, erschienen im
'Leben mit Down Syndrom' Nr. 34, Mai 2000
Es
gibt wenig Literatur oder Studien über die doppelte Diagnose Down Syndrom und
Autismus. Vielmehr nahm man noch vor nicht sehr langer Zeit an, dass diese
beiden Diagnosen nicht zusammen auftreten könnten. Man erzählte Eltern, dass
ihr Kind mit Down Syndrom geistig schwerst beeinträchtigt war, ohne nach einer
Ursache zu suchen. Heute hat die Medizin erkannt, dass auch bei Menschen mit
Down Syndrom tief greifende Entwicklungsstörungen, wie Autismus oder
Zwangsneurosen, vorkommen können. Weil diese Erkenntnisse für Fachleute aus dem
medizinischen und pädagogischen Bereich noch relativ neu sind, weiss man erst
wenig über Kinder und Erwachsene mit dieser doppelten Diagnose. Im Kennedy
Krieger Institut werden seit einigen Jahren Daten zu dieser Thematik gesammelt.
Erste Ergebnisse werden in diesem Artikel dargelegt.
Während der letzten zehn Jahre habe ich über
Hunderte von Kindern mit Down Syndrom Gutachten geschrieben, jedes von ihnen
mit seinen eigenen Stärken und Schwächen und ganz sicher mit einer ganz eigenen
Persönlichkeit. Ich glaube nicht, dass ich in unserer Klinik jemals Eltern
begegnet bin, die sich nicht intensiv um ihr Kind kümmern, ihre Liebe und ihre
Hingabe für ihr Kind sind ganz offensichtlich. Einige Eltern jedoch blieben mir
besonders im Gedächtnis. Es sind die Eltern, die mit ihrem Kind in die Klinik
kommen und tief besorgt sind über eine Veränderung im Verhalten oder in der
Entwicklung des Kindes. Sie beschreiben Situationen oder Verhaltensweisen, die
ihnen Sorgen machen, z.B. dass das Kind aufgehört hat, neue Gebärden zu lernen,
oder nicht mehr spricht. Das Kind scheint zufrieden zu sein, wenn es ganz
allein für sich spielt, es braucht auch niemanden bei seinem oft eigenartig
anmutenden Spiel (ein Spielzeug schütteln, Gegenstände aufreihen), das ihm
selbst anscheinend Spass bereitet. Wenn man es ruft, schaut es nicht. Hört es vielleicht
nicht gut? Das Kind isst nur drei, vier verschiedene Speisen. Ihm eine neue
Speise vorzusetzen oder auch ein früheres Lieblingsessen zu servieren, kann
einen richtigen Wutanfall auslösen. Das Kind starrt ohne Unterlass auf Lichter
oder auf einen Ventilator, der an der Decke hängt - fast schon wie besessen. Es
von einer solchen Beschäftigung wegzulocken, ist manchmal sehr schwierig und
kann zu einer richtigen Szene führen. Es braucht eine gewisse Ordnung um sich
herum. Wenn ein Stuhl in einem Zimmer an eine andere Stelle gestellt wird, kann
es dies furchtbar aufregen und es beruhigt sich erst, wenn der Stuhl wieder an
die übliche Stelle zurückgestellt wird.
Einige Familien haben sich schon ein wenig
informiert und erwähnen, dass sie glauben, dass ihr Kind ausser dem Down
Syndrom vielleicht autistische Züge hat. Andere haben keine Ahnung, was los
ist. Sie wissen, das etwas nicht stimmt, und wollen sofort eine Antwort. Dieser
Artikel ist für Familien, die sich in einer solchen oder ähnlichen Situation
befinden. Wenn bei Ihrem Kind diese doppelte Diagnose von Down Syndrom und
Autismus festgestellt wurde oder wenn sie den Verdacht haben, dass ihr Kind
autistische Störungen hat, können sie sich hier ein wenig informieren, was dies
bedeutet und was wir aus unseren gesammelten Erkenntnissen bis jetzt gewonnen
haben.
Es gibt wenig Literatur oder Studien über
Menschen mit Down Syndrom und Autismus Syndrom. Tatsache ist, dass man bis noch
vor nicht sehr langer Zeit annahm, dass diese beiden Diagnosen nicht zusammen
auftreten konnten. Man erzählte Eltern dann, dass ihr Kind mit Down Syndrom
geistig schwerst beeinträchtigt war, ohne weiter zu untersuchen, was der Grund
dafür war. Heute hat die Medizin erkannt, dass bei Menschen mit Down Syndrom
auch tief greifende Entwicklungsstörungen, wie Autismus oder eine
Zwangsneurose, vorkommen könne. Weil diese Erkenntnisse für Fachleute aus dem
medizinischen und pädagogischen Bereich noch relativ neu sind, weiss man nur
wenig über Kinder und Erwachsene mit der doppelten Diagnose.
In den vergangenen sechs Jahren haben wir am
Kennedy Krieger Institut Daten gesammelt über Down Syndrom und Autismus. Wir
haben aus medizinischen und psychologischen Untersuchungen, aus Verhaltenstests
und Kernspintomographien vom Gehirn Ergebnisse gesammelt und ausgewertet. Das
Kennedy Krieger Institut begleitet zurzeit eine Gruppe von ungefähr 30 Kindern
mit Down Syndrom und Autismus, wahrscheinlich die grösste Gruppe von Kindern
mit dieser Diagnose, die jemals untersucht wurde.
Auf was muss ich achten? Signale und
Symptome
Es ist normal, dass Eltern sich immer
wieder Gedanken machen um die Entwicklung ihres Kindes. Es ist auch normal,
dass man häufig zu spezifischen Besonderheiten nur über ein Teilwissen verfügt.
Das ist speziell der Fall bei der Diagnose Down Syndrom und Autismus, weil es
darüber so wenig Informationen gibt. Dies kann dann besonders besorgniserregend
sein, wenn Ihr Kind plötzlich ein neues Verhalten zeigt, das Sie eventuell
assoziieren mit autistischen Verhaltensweisen, wie z.B.. das unaufhörliche
Schütteln eines Gegenstandes. Die Kinder, die wir im Kennedy Krieger Institut
gesehen haben und die Down Syndrom und Autismus haben, zeigen ganz
unterschiedliche Symptome, die wir in zwei grosse Bereiche unterteilt haben:
Gruppe 1
Kinder in der ersten Gruppe zeigen schon
früh ein atypisches Verhalten. Als Säugling oder während der Kleinkindzeit kann
man eventuell folgende Verhaltensweisen beobachten:
-
repetitive
motorische Manierismen, z.B. schnelle Bewegungen von Händen und Fingern
-
Gebannt
sein von Lichtquellen- Fixieren von Lampen, Deckenventilatoren oder Fingern
-
extreme
Verweigerung von Nahrung- Probleme beim Sprachverständnis (das Kind scheint
Gebärden nicht zu verstehen und wendet sie selbst nicht an, was den Eindruck
erweckt, dass das Kind vielleicht schlecht hört)
-
repetitiver
oder stereotyper Gebrauch der Sprache
Mit diesen Verhaltenweisen können
ebenfalls eine Reihe anderer medizinischer Besonderheiten auftreten, wie
Krampfanfälle, Schluckprobleme. Nystagmus oder eine ausgesprochene
Muskelschwäche (Hypotonie), die zu einer Verzögerung in der motorischen
Entwicklung führt.
Wenn Ihr Kind mit Down Syndrom noch sehr
klein ist, stellen Sie eventuell das eine oder andere hier erwähnte Symptom
fest. Dies bedeutet noch lange nicht, dass dies sich bei Ihrem Kind zu einer
autistischen Störung entwickeln muss. Es bedeutet lediglich, dass das Kind
untersucht werden sollte und dann vielleicht profitieren könnte von einem
speziellen pädagogisch-therapeutischen Förderangebot (wie sensorische Integration
und visuelle Kommunikationsmöglichkeiten).
Gruppe 2
Eine zweite Gruppe Kinder ist meistens
älter. Bei diesen Kindern kann man einen dramatischen Rückgang oder Stillstand
in ihrem Spracherwerb und einen Verlust sprachlicher und sozialer Fähigkeiten
feststellen. Dieser Entwicklungsrückgang kann als Folgeerscheinung extreme
Sensibilität und Ängste auslösen und der Auftakt sein von repetitiven
Verhaltensweisen. Diese Situation tritt meistens, den Eltern zufolge, auf nach
einem zunächst für Kinder mit Down Syndrom normalen Entwicklungsverlauf. Die
meisten Eltern berichten, dass der Entwicklungsrückgang zwischen drei und
sieben Jahren auftritt.
Die medizinische Behandlung und die
Förderung für diese beiden Gruppen können unterschiedlich sein. Es fehlt zurzeit
noch an genügend Informationen, um dies genau zu beurteilen. Unabhängig von dem
Zeitpunkt, wie und wann autistische Störungen zum ersten Mal entdeckt werden,
auch Kinder mit der doppelten Diagnose sollten die nötige pädagogische und
therapeutische Unterstützung erfahren.
Was bedeutet Autismus? Unterschiedliche
Signale und Symptome
Obwohl wir von einigen Ähnlichkeiten, die
bei Kindern mit Down Syndrom und Autismus auftreten, berichten werden, soll man
nicht aus dem Auge verlieren, dass Autismus ein so genanntes Syndrom ist, das
eine Vielzahl von einzelnen Symptomen beinhaltet. Dies bedeutet, dass Kinder
mit der Diagnose sich trotzdem sehr voneinander unterscheiden. Einige sprechen,
andere nicht. Einige benötigen unbedingt eine bestimmte Routine und Ordnung,
andere sind flexibler. Dies kombiniert mit der enormen Variabilität in
Fähigkeiten, die wir allein schon beim Down Syndrom feststellen, kann sehr
verwirrend sein. Das Ganze ist besser zu verstehen, wenn man gewisse Kenntnisse
über Autismus hat, unabhängig vom Down Syndrom. Frühkindlicher Autismus,
autistische Persönlichkeitsstörung, autistische Störungen sind Begriffe, die
alle mehr oder weniger das Gleiche bedeuten. Autismus wird heute als vorwiegend
vom Verhalten her definiertes Syndrom gesehen mit einer Vielzahl an Symptomen
und Entwicklungsverzögerungen in der frühen Kindheit. Diesen Symptomen liegt
eine Funktionsstörung des Gehirns zugrunde, die verschiedene Ursachen haben
kann, u.a. auch Down Syndrom. Zurzeit gibt es unter Medizinern Meinungsverschiedenheiten
darüber, welche Kriterien notwendig sind, um Autismus zu diagnostizieren oder
wie ausgeprägt die Kern-Symptome sein müssen, um die Diagnose bei einem Kind
mit Down Syndrom zu stellen.
Leider verursacht das Fehlen eines
geeigneten diagnostischen Testverfahrens Verwirrung unter Fachleuten, Eltern
und anderen, die das Kind verstehen und optimale medizinische Versorgung und
effektive Lernprogramme entwickeln möchten. Einigkeit besteht in folgenden
Punkten:
-
Autismus
ist ein Syndrom. Es kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein
-
Viele
Symptome überlappen sich mit denen anderer Störungsbilder wie Zwangsneurosen
oder Hyperaktivität.
-
Autismus
ist eine Entwicklungsstörung. Symptome sind abhängig vom Alter und
Entwicklungsniveau des Kindes.
-
Autismus
kann zusammen auftreten mit einer geistigen Behinderung, mit Epilepsie oder
Down Syndrom
-
Autismus
ist ein lebenslanger Zustand.
Die Problembereiche, die in Zusammenhang
mit Autismus am häufigsten beschrieben werden, sind:
-
die Kommunikation
(anwenden und verstehen von Wörtern und Gebärden)
-
die sozialen
Fähigkeiten (in Kontakt mit anderen oder in bestimmten Situationen
-
stereotype und
repetitive Bewegungen des Körpers oder Verhaltensmuster.
Vor allem während der Kleinkinderzeit sind diese
Auffälligkeiten nicht dauernd vorhanden. Die Kinder können alle oder nur einige
Charakteristika des Autismus-Syndroms aufweisen. Auch können ihre Fähigkeiten
unter gleichen Bedingungen sehr schwankend sein. Einige dieser variablen
Charakteristika, die wir gewöhnlich bei Kindern mit Down Syndrom und
Autismus-Syndrom feststellen sind:
·
ungewöhnliche
Reaktion auf Reize, besonders Geräusche, Licht, Berührung oder Schmerz),
·
Nahrungsverweigerung
(Vorliebe für ganz bestimmte Speisen oder Geschmäcke)
·
eigenartiges
Spielverhalten oder beharrliche Beschäftigung mit Objekten
·
Unbehagen über
Veränderungen im Tagesablauf oder in der familiären Umgebung,
·
wenig oder keine
sinnvolle Kommunikation,
·
störende
Verhaltensweisen (Aggressivität, Wutanfälle oder extreme Ungehorsamkeit),
·
selbst verletzende
Verhaltensweisen (an der Haut ziehen, sich am Kopf schlagen oder sich den Kopf
anschlagen),
·
Schlafstörungen,
·
rückläufige
Entwicklung (vor allem bei sprachlichen und sozialen Fähigkeiten).
Manchmal kann man diese Auffälligkeiten auch bei anderen
Störungsbildern, die im Kindesalter auftreten, feststellen, wie z.B. bei
Hyperaktivität oder einer Zwangsneurose. Manchmal wird Autismus nicht erkannt
oder kommt als Möglichkeit bei einem Kind mit Down Syndrom nicht in Betracht
wegen seiner kognitiven Defizite. Wenn z.B. ein Kind sehr lebhaft und impulsiv
ist, wird in erster Linie an die Diagnose Hyperaktivität gedacht. Immer
wiederkehrende Verhaltensweisen werden schnell als SMD eingestuft, etwas das
bei Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung häufig vorkommt. Den
meisten Eltern fällt es schwer, diese Verhaltensauffälligkeiten in den Griff zu
bekommen. Um Lösungen für diese Probleme zu finden, suchen Familien häufig den
Rat von Fachleuten. Eigentlich weisen Kinder mit Down Syndrom als Gruppe in der
Regel weniger Verhaltens- oder andere psychische Probleme auf als andere Kinder
mit einer mentalen Beeinträchtigung. Wenn jedoch Verhaltensstörungen auftreten,
muss an die doppelte Diagnose gedacht werden. Es ist wichtig für Fachleute,
dass sie über die Möglichkeit einer solchen doppelten Diagnose informiert sind,
denn
1.
vielleicht kann
durch ein pädagogisch-therapeutisches Angebot die Situation verbessert werden
2.
mit einer
offiziellen Diagnose hat das Kind besser Zugang zu speziellen effektiven Hilfen
Wenn Sie den Verdacht hegen, dass bei Ihrem Kind
autistische Störungen vorliegen, stellen Sie es einem Fachmann vor. Warten Sie
nicht einfach ab, was passiert.
Vorkommen
Es ist schwierig
anzugeben, wie häufig Autismus bei Kindern und Erwachsenen mit Down Syndrom
vorkommt. Dies kommt einerseits durch die Tatsache, dass Uneinigkeit über die
genauen Kriterien herrscht, und andererseits daher, weil eine vollständige
Dokumentation dieser Fälle fehlt. Zurzeit liegen die Schätzungen zwischen einem
und zehn Prozent. Ich glaube, dass eine Zahl von fünf bis sieben Prozent am
ehesten der Realität entspricht. Dies ist wesentlich höher als in der
Normalbevölkerung (0,04 Prozent) und weniger als in anderen Gruppen von Kindern
mit einer mentalen Behinderung (20 Prozent). Es sieht so aus, dass bei einer
Trisomie 21 die Chance für das Auftreten von Autismus grösser ist. Dies kann
verursacht sein durch die abweichenden genetischen oder biologischen Einflüsse
auf die Gehirnentwicklung
Die Literatur über
dieses Thema seit 1979 beschreibt 36 Fälle von Down Syndrom und Autismus (24
Kinder und 12 Erwachsene). Von den 31 Fällen, bei denen das Geschlecht
beschrieben wurde, waren erstaunlicherweise 28 männlich. Das Verhältnis
Mann/Frau ist viel höher als jenes bei Autismus in der Normalpopulation
Ausserdem ging aus der
Berichten, wobei auch die kognitiven Fähigkeiten beschrieben wurden, hervor,
dass die meisten Kinder schwer geistig behindert waren. Im allgemeinen versteht
man wenig von den Ursachen von Autismus und ob ein Zusammenhang mit Down
Syndrom besteht. Bei einigen Syndromen, wie beim Fragilen X-Syndrom, anderen
Chromosomenstörungen, Epilepsien und bei prä- oder postnatalen Virusinfektionen
kommt Autismus häufiger vor. Auch das Down Syndrom sollte in diese Liste mit
aufgenommen werden. Denn das Vorhandensein des Down Syndroms spielt bei der
Entwicklung des Gehirns eine Rolle und ist anscheinend ein kritischer Faktor
beim Auftreten einer Autismus-Störung.
Entwicklung
des Gehirns und Autismus
Die Entwicklung und die Funktionsweise des
Gehirns unterscheiden sich bei Kindern mit Down Syndrom und Autismus von jenen
Kindern, die nur das Down Syndrom haben. Wenn diese Unterschiede zwischen
beiden Gruppen der Kinder besser untersucht und dokumentiert werden, würden wir
Kinder mit Down Syndrom und Autismus besser begreifen und eventuelle
Behandlungsmöglichkeiten finden. Eine detaillierte Analyse des Gehirns, wie man
es bei einer Autopsie durchführen kann, oder mittels einer Kernspintomographie
(MRI) zeigt, dass bei Kindern mit Autismus folgende Regionen des Gehirns eine
Rolle spielen:
1.
das lymbische
System, das wichtig ist für die
Emotionalität, für Launen und Gedächtnis,
2.
die temporalen
Cortizes, die wichtig sind für das Hören und für die Verarbeitung von Lauten
3.
das Cerebellum,
das die Motorik koordiniert und einige kognitive Operationen
4.
der Corpus
Callosum, der die beiden Hirnhälften des Stirnhirns miteinander verbindet
Im Kennedy Krieger Institut haben wir 25 Kinder mit Down
Syndrom und Autismus mittels Kernspintomographie untersucht. Die ersten
Ergebnisse bestätigen unsere Vermutungen, dass das Cerebellum und der Corpus
Callosum bei diesen Kindern ein anderes Erscheinungsbild zeigen als bei Kindern
mit Down Syndrom. Wir beschäftigen uns zurzeit auch damit, die anderen
Hirnregionen zu untersuchen, inklusiv das lymbische System und alle wichtigen
Regionen der Cortex, um mehr Hinweise zu bekommen, ob und in welcher Weise
diese bei Kindern mit Down Syndrom und Autismus auffallend sind.
Wie kann ich es herausfinden ? Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind mit Down
Syndrom verschiedene Merkmale von Autismus zeigt, ist es wichtig, dass Sie mit
ihm zu einem Fachmann gehen, der idealerweise auch Erfahrung hat mit Kindern
mit einer geistigen Behinderung oder Down Syndrom, um Ihr Kind dort
vorzustellen. Einige Symptome, die bei Down Syndrom und Autismus vorkommen,
kann man auch feststellen bei Kindern, die aussergewöhnlichem Stress und
chaotischen Ereignissen ausgesetzt sind.
Es kann vorkommen, dass sogenannte ‚versteckte’
medizinische Probleme wie Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen, Zahnschmerzen,
Stirnhöhlenentzündung usw. Verhaltensweisen auslösen wie Selbstverletzung,
Reizbarkeit oder aggressives Verhalten, die an Autismus erinnern. Eine
ausführliche Anamnese und eine gründliche Untersuchung sind daher absolut
notwendig, um andere Ursachen für das Verhalten auszuschliessen.
Zustzlich zu einer medizinischen Untersuchung werden Eltern
in unserem Institut dann gebeten, eine Checkliste auszufüllen. Ich benutze die
Autism Behavior Checklist (ABS), aber es gibt auch andere, die verwendet
werden, wie z.B. die Childhood Autism Rating Scale (CARS) und die Gilliam
Autism Rating Scale (GARS). Diese Fragebögen werden entweder in einem Interview
mit den Eltern gemeinsam oder von den Eltern allein vor dem Termin ausgefüllt.
Sie werden dann ausgewertet und führen zusammen mit dem medizinischen Befund zu
einer Aussage über den Zustand des Kindes.
Schwierigkeiten bei der Diagnose
Leider gibt es häufig unnötige Schwierigkeiten für Eltern,
wenn sie Hilfe für ihre Kinder suchen. Aus Erfahrungsberichten von Eltern kann
man Folgendes zusammenfassen:
a.
Die Diagnose wird
nicht erkannt. Dies ist sehr frustrierend für alle. Wenn man in einer solchen
Situation ist und sich ernsthafte Sorgen um das Kind macht, sollte man nicht
ruhen, bis man jemanden gefunden hat, der es ernst mit einem meint und das Kind
wirklich ganz genau untersucht
b.
Verwirrung über
die Diagnose.
c.
Es besteht die
Möglichkeit der Verwechslung mit anderen Verhaltensauffälligkeiten oder
psychiatrischen Störungen, wie Hyperaktivität, Zwangsneurosen oder
Depressionen.
Eltern haben manchmal das Gefühl, dass es besser wäre, wenn
sie von ihrem Arzt in ein Heilpädagogisches Zentrum oder eine
Down-Syndrom-Ambulanz überwiesen würden, um ihr Kind dort vorzustellen. Dies
allerdings kann Familien eventuell viel Geld kosten, weil die Kosten nicht von
der Versicherung übernommen werden. Auch die Schulen sind wegen der Kostenfrage
sehr zögerlich, Extra-Hilfe für Kinder mit Down Syndrom und Autismus
anzufordern. Dieser Frust und der Mangel an Einsicht bei den Fachleuten (sowohl
bei den Mediziners wie bei den Pädagogen) können dazu führen, dass Eltern den
Kontakt zu den traditionellen Diensten abbrechen und ausweichen auf eher
unübliche, alternative Methoden. Dies muss nicht unbedingt verkehrt sein.
Individuelle, kreative Lösungen können sehr wertvoll sein, vor allem dann, wenn
es sonst keine zuverlässigen Hilfen gibt. Es ist jedoch nicht richtig, dem
System ganz den Rücken zu kehren, weil dies Familien in die Isolation treiben
kann und es dann noch schwieriger wird, einen Unterstützerkreis für das Kind
und seine Familie aufzubauen. Es wird in der Zukunft genügend Stress auf die
Familie zukommen. Eltern brauchen dringend Unterstützung.
d.
Mangel an
Akzeptanz bei Fachleuten
Manchmal weigern sich Fachleute einzusehen, dass ein Kind
mit Down Syndrom, das in der Regel kognitive Schwierigkeiten hat, gleichzeitig
auch noch Autismus haben kann. Sie meinen, dass diese doppelte Diagnose
überflüssig ist, nicht richtig sein kann. Man sagt den Eltern in einem solchen
Fall häufig, ihr Kind mit Down Syndrom gehört eben zu denjenigen, die sich
nicht so gut entwickeln. Wir wissen inzwischen, dass dies falsch ist. Kindern
mit Down Syndrom und Autismus kann man ganz klar unterscheiden von Kindern, die
nur Down Syndrom haben, oder von denen, die zusätzlich zum Down Syndrom noch
andere Verzögerungen in ihrer Entwicklung aufweisen. Tests wie der ABS-Test
beweisen dies deutlich. Die Folge kann sein, dass Eltern aufgeben und nicht
weiter nach einer medizinischen Behandlung oder nach Hilfen, um die
Verhaltensweisen des Kindes zu ändern, suchen.
e.
Verwirrung bei den
Eltern
Oft herrscht bei den Eltern oder bei den anderen
Familienmitgliedern, besonders bei den jungen Geschwisterkindern, ein Mangel an
Akzeptanz und Verständnis für die unbekannte Situation oder auch ein mangelndes
Bewusstsein, was genau los ist. Die ersten Reaktionen der Eltern oder der
anderen Familienmitglieder variieren von ‚Das wird sich ja wieder geben’ bis
‚Weshalb macht er nicht Fortschritte wie andere Kinder mit Down Syndrom ?’
Eltern in dieser Lage wissen oft keinen Ausweg mehr und
sind sich auch oft untereinander nicht einig, wie sie das Verhalten ihres
Kindes einschätzen sollen und wie sie es ändern können. Die Folge ist, dass die
Ehe, ja das ganze Familienleben darunter sehr leidet. Ich habe festgestellt,
dass sich in einer solchen Situation diese Familien leider aus der
Down-Syndrom-Elterngruppe oder anderen Selbsthilfegruppen total zurückziehen.
Dafür gibt es verschiedene Gründe wie: ‚Die Gesprächsthemen der anderen haben
nichts mit meinen Problemen zu tun’ oder ‚Ich finde es schwierig, all die
anderen Kinder zu erleben, die sich so viel besser entwickeln als mein Kind’
oder ‚Ich habe das Gefühl, dass andere Eltern der Meinung sind, dass ich mein Kind
nicht genug fördere, dass ich keine gute Mutter bin, weil man Kind sich so
anders benimmt’.
Es wäre natürlich wünschenswert, dass sich jemand aus der
Gruppe dessen bewusst ist und gerade dieser Familie Extra-Hilfe anbietet, statt
zuzusehen, wie sich die Familie zurückzieht. Aber genau dies passiert in der
Regel nicht. Gerade Eltern, die am meisten auf Hilfen angewiesen sind, bekommen
das häufig in ihrer Selbsthilfegruppe nicht. Ausserdem wird es innerhalb einer
Unterstützungsgruppe auch häufig nur eine einzelnes Kind mit Down Syndrom und
Autismus geben. Von daher berührt diese Problematik die anderen kaum. Jedoch
ist es absolut notwendig, dass unter betroffenen Familien ein
Erfahrungsaustausch stattfinden kann. Obwohl Down Syndrom vorliegt, kann es auch
sinnvoll sein, Kontakt aufzunehmen mit einer Selbsthilfegruppe von Eltern
autistischer Kinder. Aber auch hier gibt es die Gefahr, dass die Eltern sich
nicht richtig wohl fühlen, weil in einer solchen Gruppe das Verständnis für
Down Syndrom fehlt.
Down Syndrom und Autismus – Was bedeutet das ?
1.
Verhaltensaspekte
Um das Kind wirklich zu verstehen, hilft einem die Diagnose
Down Syndrom und Autismus allein kaum weiter. Es wird noch komplizierter, weil
es kaum Informationen über diese Diagnose gibt und man deshalb nicht weiss,
welche medizinischen und therapeutischen Behandlungen in Frage kommen. Um
festzustellen, welche Verhaltensweisen am häufigsten bei Down Syndrom und
Autismus auftreten, haben wir verschiedene Studien durchgeführt, wobei
Kontrollgruppen (für Sex und Alter, Down Syndrom und Autismus und nur Down
Syndrom) miteinander verglichen wurden. Bei dieser Studie sammelten wir
verschiedene Daten: einmal die Ergebnisse, die wir aus dem ABC-Test bekamen,
wir brauchten eine detaillierte Beschreibung der Entwicklung des Kindes und ein
ausführliches Gutachten über das Verhalten des Kindes. Aus dieser Studie
konnten wir Folgendes ableiten. Kinder mit Down Syndrom und Autismus zeigen
öfter:
1.
Entwicklungsrückschritte,
inklusive Verlust von Sprache und sozialen Fähigkeiten,
2.
wenig
Kommunikationsfähigkeiten (viele Kinder hatten keine sinnvolle Sprache,
benutzen auch keinerlei Gebärden),
3.
selbst
verletzendes oder zerstörerisches Verhalten (wie Hautpflücken, beissen, sich
auf den Kopf hauen oder den Kopf anschlagen)
4.
repetitive
motorische Manierismen (Zähneknirschen, schnelle Bewegungen von Händen,
Schaukeln mit dem Körper),
5.
ungewöhnliche
Laute (Brummen, Summen oder heisere Laute),
6.
ungewöhnliche
Sensibilität für äussere Reize (Starren auf Lichter, Empfindlichkeit bei bestimmten
Geräuschen),
7.
Probleme bei der
Nahrungsaufnahme (Verweigerung oder eine starke Vorliebe für bestimmte Speisen)
8.
übertriebene
Angstzustände oder auch fehlende Angst vor realen Gefahren, Reizbarkeit,
grosses Unbehagen über Aenderungen in der alltäglichen Umgebung,
Hyperaktivität, Schlafprobleme
Weiter viel auf, dass:
o
Kinder mit Down
Syndrom und Autismus deutlich mehr Punkte erreichten in allen fünf
Teilbereichen (Wahrnehmung, zwischenmenschliche Beziehungen, Umgang mit dem
eigenen Körper und mit Objekten, Gebrauch von Sprache und soziale Kompetenz)
des ABC-Tests als Kinder mit nur Down Syndrom,
o
Kinder mit Down
Syndrom und Autismus weniger Defizite zeigten beim Aufnehmen sozialer Kontakte
als Kinder, die nur Autismus hatten,
o
Kinder mit Down
Syndrom und Autismus mehr stereotype Körperbewegungen und Beschäftigung mit
Objekten zeigten als Kinder mit nur Autismus.
o
Kinder mit Down
Syndrom und Autismus mehr Punkte erreichten in allen fünf Bereichen des
ABC-Tests als schwer geistig behinderte Kinder,
o
Kinder mit Down
Syndrom, die schwer geistig beeinträchtigt sind, nicht notwendigerweise auch
Autismus haben.
Diese Studien haben mir bewiesen, dass Kinder
mit Down Syndrom und Autismus deutlich zu unterscheiden sind von den
‚typischen’ Kindern mit Down Syndrom und auch von Kindern mit einer schweren
geistigen Behinderung (darunter könnten auch Kinder mit Down Syndrom sein). Und
obwohl es stimmt, dass autistische Züge und ein niedriger Entwicklungsstand
häufig zusammen auftreten, ist es nicht richtig zu behaupten, dass autistische
Verhaltensweisen nur mit einem niedrigen kognitiven Niveau zusammenhängen.
2.
Begleitende gesundheitliche Probleme
Die Frage tauchte auf, ob es auch einen
Unterschied gibt bei dem gesundheitlichen Zustand von Kindern mit Down Syndrom
und von denjenigen mit Down Syndrom und Autismus. Auch dem sind wir bei unserer
Studie nachgegangen und haben folgende Auffälligkeiten festgestellt, die jedoch
erst als vorläufige Ergebnisse betrachtet werden müssen, da die Anzahl der
untersuchten Kinder noch nicht ausreicht, um definitive Aussagen zu treffen.
Kinder mit Down Syndrom und Autismus haben
häufiger:
o
angeborene
Herzfehler und Probleme im Magen-Darmbereich,
o
neurologische
Auffälligkeiten (Krämpfe, Schluckprobleme und Verzögerung der motorischen
Entwicklung, sind häufig extrem hypoton),
o
Augenprobleme,
o
Atemprobleme
(Lungenentzündung und Schlafapnoe),
o
Insgesamt mehr
medizinische Komplikationen.
Diagnose Down Syndrom und Autismus. Was tun ?
Wenn man nach langem erfolglosem Suchen nach
einer Erklärung für das Verhalten des Kindes endlich die Diagnose kennt, kann
diese zunächst eine Erleichterung bedeuten. Aber diese neue Behinderung
Autismus wirft neue Fragen auf. Aus medizinischer Sicht gilt es zu überlegen,
ob das Kind Medikamente bekommen soll, die hauptsächlich bei älteren Kindern
wegen spezieller Verhaltensauffälligkeiten eine Hilfe sein können. Vor allem
wenn das Verhalten das Lernen oder die soziale Akzeptanz des Kindes
beeinträchtigt. Obwohl es weder eine Heilungsmethode gibt für das Dowhn Syndrom
noch für Autismus, können bestimmte Verhaltensweisen dennoch behandelt werden.
Dies sind beispielsweise:
o
Hyperaktivität und
Aufmerksamkeitsprobleme
o
Reizbarkeit und
Aengste, Schlafstörungen,
o
aggressives oder
zerstörerisches Verhalten (kann manchmal reduziert werden),
o
selbst
verletzendes Verhalten (kann manchmal reduziert werden)
Bei allen Bemühungen, die sie unternehmen, um so
gut wie möglich für das Kind zu sorgen, sollten Sie nicht das Wohl der Familie
aus dem Auge verlieren. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass Sie nur
eine bestimmte Zeit und Energie in dieses ‚Projekt’ stecken können. Es werden
gute und schlechte Zeiten kommen und wenn Sie keine Auftankmöglichkeiten haben,
ist ein ‚Burn-out-Syndrom’ unvermeidbar. Es gibt für Familien in dieser Situation
tatsächlich eine Mehrbelastung. Deshalb sollten Sie Schwierigkeiten nicht
versuchen ‚wegzustecken’ sondern immer im Gespräch miteinander als Eltern und
Familie bleiben und in einem regelmässigen Kontakt mit Fachleuten stehen. Nur
so kann man die Situation meistern.
Zusammenfassung
Tatsächlich ist noch wenig bekannt über Kinder
mit Down Syndrom, die zusätzlich autistische Verhaltensweisen zeigen. Es ist
für Eltern wichtig, so viel wie möglich über Down Syndrom und Autismus in
Erfahrung zu bringen und dieses Wissen anderen zu vermitteln. Familien sollten
versuchen, ein Team aufzubauen von Medizinern, Therapeuten und Lehrern, die
Interesse daran haben, mit ihrem Kind zu arbeiten, ihm die bestmöglichen
Bedingungen für eine gute Entwicklung zu schaffen. Die Wissenschaft muss nach
weiteren Gründen und frühen Diagnosemöglichkeiten forschen. Auch in der
Entwicklung des Gehirn könnten Hinweise gefunden werden darauf, was typisch ist
für Down Syndrom und Autismus. Auch die möglichen Vorteile unterschiedlichster
Therapien müssen untersucht und genau dokumentiert werden. Man soll sich bei
all dem im Klaren sein, dass es sich um einen extrem komplizierten Bereich
handelt und deshalb Fortschritte nur langsam erziehlt werden können. Auf jeden
Fall sollten Kinder mit Down Syndrom und Autismus und ihre Familien unsere
volle Unterstützung und Verständnis haben.
Der Autor, George T. Capone M.D., ist Direktor
der Down Syndrome Clinic und Arzt in der Neurobehavioral Unit im Kennedy
Krieger Institute in Baltimore, Maryland. Dieser Artikel erschien in der
Zeitschrift Disability Solutions, Volume 3, Issue 5 & 6, einer Publikation
der Enoch-Gelbard Foundation.