Nebenwirkungen und kein Nutzen
Piracetam bei Kindern mit Down-Syndrom wirkungslos

Von Albert Zeyer
Obschon bis heute nicht klar ist, wie und ob sogenannte
Nootropica überhaupt wirken, existiert ein lebhafter Markt
für derartige Substanzen, die angeblich die geistige
Leistungsfähigkeit vor allem bei älteren Personen und
Kindern mit Down-Syndrom verbessern sollen. Eine erste
Studie hat nun bei Down-Kindern keinerlei günstige Effekte,
sondern im Gegenteil teilweise erhebliche Nebenwirkungen
gefunden.

Piracetam (Handelsname Nootropil) gehört zu den sogenannten
Nootropica, was griechisch so viel wie Substanzen, die auf
das Gehirn wirken, bedeutet. Böse Zungen behaupten, dass es
sich dabei um eine «drug in search of a disease» handle, ein
Medikament also, welches die Krankheit suche, die man damit
behandeln könne. Piracetam soll die Aufmerksamkeit steigern,
das Gedächtnis verbessern und insgesamt die geistige
Leistungsfähigkeit erhöhen. Wie das alles geschehen soll,
ist jedoch unklar. Verschiedene, zum Teil abenteuerliche
Wirkungsmechanismen wurden vorgeschlagen. Nootropica sollen
die Produktion und die Wirksamkeit von Neurotransmittern
modulieren, die Durchblutung der beiden Gehirnhälften
verbessern und die Nervenzellen des Hirngewebes vor
Schädigungen bewahren. Ein wissenschaftlicher Nachweis
solcher Hypothesen konnte aber nie geführt werden.
Jedenfalls vermögen diese Substanzen nach bisherigem Wissen
keinen der bekannten Stoffwechselwege im Gehirn zu
beeinflussen.

Hoffnungen und Schlagzeilen

Trotz der unbefriedigenden Sachlage ist der Markt für solche
Substanzen riesig. In der Altersmedizin werden derartige
Medikamente in grossem Stil älteren Patienten verschrieben,
um deren geistige Leistungsfähigkeit zu stützen. Aber auch
bei Schlaganfällen, Alzheimer oder der Parkinsonschen
Schüttellähmung hofft man auf eine positive Wirkung.
Schliesslich sind auch durchaus gesunde Konsumenten nicht
abgeneigt, ihrer geistige Leistungsfähigkeit medikamentös
etwas nachzuhelfen, wodurch sich Piracetam vor allem in
Europa und Japan zu einem eigentlichen Bestseller-Medikament
entwickelt hat.

In Nordamerika geriet Piracetam während der neunziger Jahre
in die Schlagzeilen. Damals wurde in populären
Fernsehsendungen behauptet, das Medikament würde die
geistige Entwicklung von Kindern mit Down-Syndrom günstig
beeinflussen. Diese Chromosomenanomalie (Trisomie 21) geht
mit einer milden bis mittelschweren geistigen Behinderung
einher. Die erwähnten Sendungen zeigten Eltern, die
begeistert von den mentalen Fortschritten ihrer Kinder
berichteten. Sie würden unter der Behandlung mit Piracetam
nicht nur aufmerksamer und konzentrierter, sondern insgesamt
«glücklicher und gesünder». Im Internet entwickelte sich
rasch eine verschworene Gemeinschaft von Eltern und
Betreuern, welche sich die Behandlung von Down-Kindern mit
Piracetam auf die Fahne schrieb.

Mittlerweile werden Tausende von Down-Kindern mit Piracetam
behandelt. Trotzdem gab es bisher keine wissenschaftlichen
Arbeiten, die den Effekt einer solchen Behandlung und
allfällige Nebenwirkungen untersuchten. Daher stösst nun
eine neue Studie aus Kanada, die genau dieses Ziel
verfolgte, auf besonderes Interesse. Die Forscher
untersuchten 18 Kinder mit Down-Syndrom. Die Kinder wurden
zufällig in zwei Gruppen eingeteilt, wobei die erste Gruppe
in einer ersten Phase mit Piracetam, in Phase zwei aber mit
einem Placebo-Medikament behandelt wurde. Bei der zweiten
Gruppe war das Vorgehen genau umgekehrt. Dieses sogenannte
«crossover» genügt besonders strengen statistischen
Massstäben.

Die Behandlung dauerte bei beiden Gruppen insgesamt 4
Monate. Nach jeder Phase wurden die Kinder einer Batterie
von 14 kognitiven Tests unterzogen, die aus verschiedenen
Standardtests abgeleitet und speziell auf das mentale Niveau
der Zielgruppe zugeschnitten worden waren. Man prüfte unter
anderem Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit, Gedächtnis,
Wahrnehmung, Feinmotorik und sensorische Perzeption. Auch
sprachliche Fähigkeiten (flüssiges Sprechen, das Lernen
neuer Wörter usw.) wurden getestet. Ausserdem füllten Eltern
und Lehrer nach jeder Phase standardisierte Fragebogen aus,
worin nach verschiedensten Aspekten des Verhaltens gefragt
wurde, z. B. nach dem Temperament der Kinder und nach ihren
sozialen und intellektuellen Leistungen.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. In keinem Bereich war die
Behandlung mit Piracetam der Placebo-Behandlung überlegen.
Sie verbesserte weder die geistige Leistungsfähigkeit
merklich, noch beeinflusste sie das Verhalten der Kinder in
irgendeiner Weise positiv. Stattdessen zeigten sich eine
Reihe von ungünstigen Nebenwirkungen, die vermutlich damit
zu tun haben, dass das Medikament eine unspezifisch
stimulierende Wirkung auf das Zentralnervensystem hat.
Einige Kinder wurden aggressiv oder unruhig, andere
irritierbar oder sexuell auffällig. Auch von schlechterem
Schlaf und vermindertem Appetit wurde berichtet. Insgesamt
also eine kritische Bilanz, welche in krassem Gegensatz zu
den euphorischen Medienberichten steht.
Forschung und Gesellschaft

Wird diese neue Studie von den betroffenen
Bevölkerungsgruppen zur Kenntnis genommen? Erfahrungen mit
ähnlich gelagerten Fällen lassen dies bezweifeln. Im
Zeitalter des Internets entwickelt die Vernetzung unter
Betroffenen oft eine derartige Eigendynamik, dass kaum mehr
zwischen Information und Propaganda, Mythos und Realität
unterschieden werden kann. Dieses Phänomen lässt sich in der
Kindermedizin, wo Patienten, Angehörige und
Medizinalpersonen oft verflochtene Interessengemeinschaften
bilden, besonders deutlich beobachten. Man denkt daher heute
über neue Studiendesigns nach, die der sozialen Wirklichkeit
vermehrt Rechnung tragen sollen, indem sie ein
«partizipatives» Element enthalten: Betroffene
Bevölkerungsgruppen sollen frühzeitig, d.h. bereits bei der
Formulierung der Studienziele, in den Forschungsprozess
eingebunden werden. Man erhofft sich damit eine erhöhte
Akzeptanz der Ergebnisse und eine stärkere Ausstrahlung der
Forschung in den Patienten-Alltag. Mit diesem als «robust
community-centered research» bezeichneten Ansatz sind im
Bereich der Gesundheitswissenschaften bereits erste positive
Erfahrungen gemacht worden.


Albert Zeyer ist Mediziner, Physiker und Buchautor in Luzern

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Forschung und Technik, 4. Juli
2001, Nr.152, Seite 71

Quellen: Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine 155,
438-439; 442-449 (2001).