Miriam kam am 1.
Oktober 1994 als unser zweites Wunschkind zur Welt. All die Freude während der
Schwangerschaft wurde mit einem einzigen Satz nach der Geburt vernichtet: "Ihr Kind
hat das Down-Syndrom." Wie ein unüberwindbarer Berg lag unser Leben nun vor uns -
zumindest schien es uns am Anfang so. Doch die Liebe zu unserer Tochter war einfach
stärker als die Angst vor ihrer Behinderung. Und so wurde es unser Ziel, sie zu einem
selbständigen, aber vor allem glücklichen Leben zu führen. Ich las mir alles
mehrmals durch, und immer wieder blieb ich besorgt an einem Satz hängen: "Sollte Ihr
Kind Angst vor Tieren haben, kann der Erfolg der Therapie weitgehend beeinträchtigt
werden." Unsere Miriam hatte nun aber panische Angst vor jedem noch so kleinen Tier,
ja sie wurde nahezu hysterisch, wenn sich selbst ein Meerschweinchen auf sie zubewegte. In einem Interview,
das Dr. Nathanson während unserer Anwesenheit in Miami gab, sagte er: "Der Kontakt
zu Delphinen stellt für die Kinder einen sehr viel größeren Anreiz dar als das
mündliche Lob eines Lehrers. Dadurch wird die Motivation der Kinder, am Unterricht
teilzunehmen, wesentlich erhöht. Durch die streßreduzierende Wirkung der Delphine und
auch des Wassers sind die Kinder sehr entspannt und dadurch viel aufnahmefähiger."
Während der gesamten Therapiedauer beschäftigt sich immer derselbe Therapeut mit
"seinem" Kind. Außerdem hat er einen natürlichen Spieltrieb. So genießt er es, wenn ihm das Kind einen Gegenstand ins Wasser geworfen hat, diesem dem Kind wieder zurückzubringen. Die gesamte Therapie wird von einem Fotografen auf Video aufgezeichnet. Das Band können die Eltern mit nach Hause nehmen, um bei der dortigen weiterführenden Therapie die Situation für das Kind rekapitulierbar zu machen und mit Hilfe des Erinnerungsvermögens weitere Erfolge zu erzielen. Unsere Miriam wurde süchtig nach diesen wunderbaren Tieren. Und auch heute, wenn ich ihr das Video zeige, ist sie ganz entzückt, wenn sie sich selbst mit den Delphinen im Wasser beobachten kann. Sie wurde in nur drei Wochen von einem ängstlichen, sehr stillen kleinen Mädchen zu einer selbstbewußten und aufgeweckten kleinen Dame. Abgesehen von den sprachlichen Fortschritten, die sie in Miami gemacht hat, ist sie nun ausgestattet mit dem gerade für diese Kinder so wichtigen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Und sie lernt viele Dinge nun wie von selbst. Doch nicht nur für Miriam, sondern auch für ihre große Schwester Melanie und mich war dieser Aufenthalt ein wunderbares Erlebnis. Melanie wurde von der Therapeutin immer wieder in ihre Arbeit miteinbezogen, und sonst hatte sie viel Spaß an dem Programm, das für die Geschwisterkinder erarbeitet wurde. Und den Rest des Tages verbrachten wir am Meer und ließen einfach unsere Seele baumeln. Einen Gedanken
möchte ich Ihnen allen nun noch mitgeben, den ich an einem Abend in Miami in mein
Tagebuch geschrieben habe:
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Delphinterapie in Key Largo, Florida Ein Bericht von Jürg Junker, erschienen im 'aktuell 21' 1/2000 der EDSA Schweiz |
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| Durch die Früherzieherin unserer
Tochter Regula, 8-jährig mit Down Syndrom, wurden wir auf die Delphintherapie aufmerksam
gemacht. Sie besuchte vor einigen Jahren einen Kurs über Delphine im Dolphin Research
Center in Marathon, Florida, und hörte von den aussergewöhnlichen Auswirkungen, welche
diese intelligenten Meeressäuger auf behinderte und kranke Menschen haben. Ueber das
Research Center erhielten wir dann die Adresse von zwei Delphintherapeuten, Frau Deena
Hoagland und Dr. David Nathanson. Aus verschiedenen Gründen entschieden wir uns für Mrs. Hoagland, unter anderem auch aus finanziellen Gründen. Interessant ist auch noch folgende Tatsache: Aufgrund der mehrseitigen, sehr differenziert zu formulierenden Anmeldung, der wenn möglich ein Video beigelegt werden sollte, versuchten Frau Hoagland und ihr Team zu beurteilen, ob eine Therapie sinnvoll ist oder nicht und entschieden somit letztlich über die Aufnahme. Ferner werden pro Woche lediglich vier Kinder betreut. Dies gewährt eine sehr intensive Beziehung zwischen Betreuerteam und Klientenfamilie, wobei ich 'Familie' betonen möchte. Es ist wichtig, dass nicht nur das behinderte Kind, sondern auch seine Familienangehörigen miteinbezogen werden können. Neben dem 'Plausch haben an den Delphinen' werden auch wichtige innerfamiliäre Verhaltensmuster beobachtet und gute Tipps für das tägliche Leben gegeben. Entscheidend für den Erfolg bei unserer Regula war das Engagement und die Musse, welche die ganze Familie aufbringen konnte. Die positiven Erinnerungen sind auch nach fast einem Jahr bei allen noch sehr präsent und können mit Photos, Videos, Computerprogrammen und Spieldelphinen täglich aktiviert werden. Neben dem Schwimmen mit LB (so hiess der Delphin, mit dem Regula viermal pro Woche während einer knappen halben Stunde zusammen war), erarbeiteten wir einen Ordner mit Kärtchen, welche Gegenstände und Tätigkeiten darstellen, die für Regula wichtig sind. Durch Hinlegen der entsprechenden Kärtchen kann sie sich mitteilen, auch wenn sie die ensprechenden Wörter noch nicht sagen kann. Und das war ja der Hauptpunkt, an dem wir arbeiteten: die Sprache. Eines Mittags z.B. verschwand sie vom Esstisch, holte ihren Ordner und legte die Kärtchen: Regula, Dessert, bitte. Ohne Zweifel war die halbe Stunde mit LB jeweilen der Tageshöhepunkt. Zuerst war sie am Wasser, durfte LB streicheln, seinen Ball oder Ring, der in das Wasser geworfen wurde, in Empfang nehmen, oder sie erhielt von ihm einen Kuss. Sie konnte es jeweilen kaum erwarten, bis sie anschliessend, durch die Therapeutin begleitet, ins Wasser gehen durfte. Da lachte und strahlte sie, wenn sie von ihm gestossen wurde oder wenn sie sich an seiner Rückenflosse festhielt und mit ihm eine Runde drehen konnte. Und wenn LB mal zu schnell schwamm, so dass sie loslassen musste, kehrte er sofort zu ihr zurück. Ja, die Sympathie und Freude waren offensichtlich auf beiden Seiten. Und warum fördert dies den Spracherwerb ? Weil Regula durch ihren neuen Freund motiviert wurde und ihm jeweilen sagen musste, was sie von ihm haben wollte oder was sie mit ihm machen möchte. Neben den dressierten Delphinen wie LB leben in Key Largo auch noch fünf undressierte Delphine (vermutlich die einzigen nicht dressierten Delphine in Gefangenschaft auf der ganzen Welt). Diese schwimmem alle im selben Becken. Einmal pro Woche war in diesem ein unstrukturiertes Schwimmen. Hier entschieden die Delphine, ob und wieviel Kontakt sie mit den Menschen haben wollten. Man sah sie neben- und untendurch schwimmen und hörte ihre Klicklaute, mit denen sie sich gegenseitig verständigen. Dass ein Delphin, der sonst eher selten Kontakt sucht, immer wieder Regula anstubste, freute sie natürlich sehr. Mit Schnorchel, Brille und Flossen konnte sie auch diese Schwimmstunde voll geniessen. Und wie sind die Delphine gehalten ? Das Gehege ist zwar relativ klein, aber in einem natürlichen Kanal mit gewöhnlichem Meerwasser. Keiner ist ganz alleine in seinem Gehege und sie können alle miteinander kommunizieren. Mit dem Schwimmen bei den Delphinen war aber die Therapie noch nicht fertig, sondern nun folgten die sogenannten Klassenzimmerlektionen. In diesen war immer die ganze Familie beschäftigt. Während die Kinder eine Bastelarbeit machten (auch unsere beiden Buben durften einen Holzdelphin bemalen und ein T-Shirt bedrucken), waren wir Eltern mit dem bereits erwähnten Ordner beschäftigt oder beobachteten und unterstützten die Therapeutin, welche mit Regula arbeitete. Erst gegen Mittag verliessen wir dann diesen Ort, der uns allen in den zwei Wochen ein nachhaltiges Erlebnis ermöglichte. Wir begreifen nun auch, warum viele Familien, die einmal da waren, später wieder kommen. Die Delphintherapie in Key Largo bedeutete für uns eine ideale Verbindung von Wasser-, Familien- und Arbeitserlebnis. Ohne Zweifel hat Regula im letzten halben Jahr, seit sie nun zur Schule geht, einen enormen Entwicklungsschub gemacht. Wie viel davon auf die Delphintherapie zurückzuführen ist, kann man natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Für uns jedoch ist es klar, dass es ein beträchtlicher Teil ist. Wir haben aber auch festgestellt, dass nicht alle Familien in gleicher Weise darauf ansprechen. Was für uns ideal war, war für andere ungeeignet und gab zu Kritik Anlass, nicht zuletzt auch deshalb, weil 'unser' Delphin LB als intelligentes Charakterwesen seine Sympathien deutlich zeigte. |
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