Aus dem
Vorwort
Dieses Buch ist
wichtig! Eltern und Lehrer sollten es als eine Hilfe sehen, wie Kinder mit Down Syndrom
lernen, und besonders, wie man sie das Lesen lehren kann. Lesefähigkeit ist in der
modernen Welt überlebenswichtig. Wir sind von Geschriebenem umgeben. Geschriebenes leitet
und informiert uns, es ermahnt und unterhält uns. Für Menschen mit Down Syndrom können
schon die allereinfachsten Lesefertigkeiten einen Schritt hin zu einer fruchtbaren
Beschäftigung und zur persönlichen Unabhängigkeit bedeuten.
Man nahm früher an, daß Kinder
mit Down Syndrom oder anderen geistigen Behinderungen solche intellektuellen Fähigkeiten
wie Lesen gar nicht lernen könnten, weil sie nicht lernmotiviert wären. Man nahm auch
an, daß man jemanden nicht motivieren könnte, der keine "intrinsische -innere -
Motivation" besitzt. Aus dieser Annahme, dass ein Motivationsdefizit einfach eine der
nicht "heilbaren" Begleiterscheinungen einer geistigen Behinderung sei, schloß
man logisch, daß jeder Versuch, Kinder mit Down Syndrom das Lesen zu lehren, zum
Scheitern verurteilt sein müsse. Glücklicherweise haben eine Reihe von Untersuchungen
gezeigt, dass dies nicht der Fall ist.
Wenn man die geeigneten
Möglichkeiten schafft, dann kann jedes menschliche Wesen unabhängig vom Grad seiner
körperlichen oder geistigen Behinderung, zumindest irgend etwas lernen. Der Mensch mit
Down Syndrom ist dabei keine Ausnahme. In einer pädagogischen Umgebung, die auf die
individuellen Bedürfnisse, Interessen und Fähigkeiten zugeschnitten ist, können Kinder
mit Down Syndrom durch ein spezielles Programm mit systematischer, höchst individueller
Unterrichtung in der Tat sehr viel erlernen. Dieses Programm konzentriert sich auf
praktisches Lernen und verzichtet auf abstrakte Motivierungskonzepte. In den meisten
Fällen überstieg der Erfolg, den die Kinder erzielen konnten, unsere kühnsten
Erwartungen.
"Kinder mit Down Syndrom
lernen lesen" sagt dem Leser genau, wie man so ein Programm entwickelt und anwendet.
Patricia Oelwein, die das Leselernprogramm im Experimental Educational Unit, Child
Development and Mental Retardation Center an der Universität von Washington entwickelte,
ist eine sehr begabte und schöpferische Lehrerin, die sich mehr als zwanzig Jahre der
Aufgabe gewidmet hat, Kindern mit Down Syndrom das Lesen beizubringen. Sie schreibt klar
und leidenschaftlich, humorvoll und begeistert. Im ersten Teil des Buches erklärt Mrs.
Oelwein, wie Kinder mit Down Syndrom lernen und Informationen verarbeiten. Sie erklärt,
wie man die Lernerfahrungen der Kinder maximieren, wie man ihre Stärken nutzbringend
einsetzen, und wie man ihre Schwächen ausgleichen kann. Fallbeschreibungen und Anekdoten
verdeutlichen, was die Verfasserin beschreibt. Dieser Teil - eine Einführung und das
Lernprogramm selber - sollte sorgfältig gelesen werden. Die Erkenntnisse, die sich dabei
auftun, sind für jeden wertvoll.
Teil 2 und 3 beschreiben das
eigentliche Programm. Es ist die detaillierte und verständliche Beschreibung eines
einzigartigen, höchst einfallsreichen und erfolgreich individualisierten
Leselern-programmes. Der Vorteil dieses Programmes liegt in seiner Anwendbarkeit, der
Leichtigkeit, mit der die Anleitungen übernommen oder verändert werden können, um sie
den jeweils einzigartigen Lern- und Anpassungsfähigkeiten des einzelnen Schülers
anzupassen.
Wenn ein Kind nicht lernen kann,
so heisst es, ist das nicht der Fehler des Kindes. Es ist nicht der Fehler des Lehrers und
auch nicht der der Eltern. Ganz im Gegenteil, es ist der Fehler der erzieherischen Methode
und des Programms. Dieses Buch soll Lehrern und Eltern den Weg zu einer erfolgreichen und
angenehmen Lernerfahrung des Kindes, der Eltern und der Lehrer öffnen.
Valentine Dmitriev, Ph.D. |