| Die einen sagen 'mongoloid', Ihr
sagt Down Syndrom oder Trisomie 21, wir und ihre Freunde rufen sie beim Namen: MARTINA, |
| ein Engel, fuersorglich, guetig
und voller Liebe. Wenn ich Ihnen eine Engelsgeschichte von Martina erzaehle, geht es mir
nicht darum die Realitaet zu verbergen oder gar mit Spitzfindigkeiten etwas zu
verheimlichen oder zu verdraengen. Ich moechte ihnen ganz einfach sagen, dass das Leben in
einer Familie mit einem behinderten Menschen harmonisch und sehr bereichernd sein kann.
Wir verstehen es, mit unserer Tocher zusammen die kleinen und grossen Freuden, die der
Alltag bietet, zu geniessen und zu lieben. Es sind Ereignisse, die froh machen. Wir sind also ein ganz normale Familie, die faehig ist zu lachen, die sich fuer irgendein Vorhaben begeistern kann, denn wir moechten Behagen ausstrahlen und nicht Beklemmung. Unsere Tochter ist heute 27 Jahre alt. Sie ist ein aeusserst angenehmer und liebevoller Mensch. Sie wirkt anregend und weckt Gefuehle der Solidaritaet. Sie ist in unserer Familie integriert mit allen Rechten, die ihr zustehen. Es erstaunt uns immer wieder, wie Martina imstande ist, Sachverhalte und Verhaltensweisen mit Differenziertheit wahrzunehmen und vernuenftig einzuordnen. Glauben Sie mir, meine Tochter hat anderen Menschen of manches voraus. Ihre Psyche ist gesuender als die vieler Normaler. Sie ist mit sich selbst einig und ruht in sich selbst. Obwohl sie zwischen Gut und Boese unterscheiden kann, hat sie die Gruende der Lieblosigkeit und des Hasses nicht kennengelernt. Sie liebt alle, darin ist Martina konsequent. Nie haben wir das geringste Zeichen von Diskriminierung an ihr entdeckt. Und wenn doch einmal irgend jemand boese zu ihr ist, sagt sie einfach, ohne in ihrer Zuneigung irre zu werden:"Das ist eben dem seine Behinderung." Sie lebt in einer Haltung steter Zuwendung und Nachsicht gegenueber den anderen. Ich denke, dass das die grundlegendsten Wesensmerkmale christlicher Lebensweise sind. Sie versteht es, ihre kleinere Dosis an Klugheit richtig einzusetzen. Martina hat eine ungewoehnliches Gespuer fuer's Massvolle, sie bewegt sich sicher im Erwachsenenkreis, sie kann zuhoeren ohne zu stoeren, ohne Diskussionen zu unterbrechen. Eigenschaften, die mich immer wieder faszinieren. Natuerlich kommt es auch vor, dass sie Dinge ausspricht, die wir aufgrund der bestehenden Konventionen nie sagen wuerden. Es gibt sie auch die Tage und Stunden der Traurigkeit. Dann vielleicht, wenn Martina fragt:"Warum kann ich nicht Krankenschwester lernen oder warum kann ich nicht heiraten und Kinder haben wie meine Schwester?" Fragen, die wir beantworten muessen, ehrlich und offen, jedoch unserer Tochter angepasst. Wenn Martina ihre Grenzen spuert, ist sie traurig und mit ihr zusammen die ganze Familie. Es sind aber gerade diese Zeiten, die uns verbinden und die uns wieder Kraft geben. Weil es auf Weihnachten zu geht, moechte ich Ihnen folgende Geschichte erzaehlen: Es war einige Tage vor Weihnachten letztes Jahr. Mit Paeckli, Tragtaschen und Schirm beladen habe ich noch knapp den Ortsbus erreicht. Froh, dass gerade noch ein Sitzplatz frei war, habe ich mich mit all dem Ballast hingesetzt. Die Stimmung im Bus war nicht gerade gut. Gehaessig, gestresst oder einfach muede von der Arbeit standen oder sassen die Menschen dicht beieinander. Da, auf einmal erklang ein leises und unsicheres Floetenspiel. Wer hat denn da den Mut zwischen den vielen Leuten zu musizieren, denke ich. Zu meinem Erstaunen sehe ich ein behindertes Maedchen, das voll Hingabe und Begeisterung ihre Freude auf Weihnachten allen mitteilen moechte. "Stille Nacht - heilige Nacht," toent es jetzt sicherer und lauter. Neugierige und verschaemte Blicke wandern zu der Musizierenden. Kaum ist das Lied ausgeklungen, steht ein Mann auf und sagt zu ihr: "Ich moechte dir im Namen aller, die hier im Bus sind, herzlich danken fuer das schoene Floetenspiel und weil es uns so gut getan hat, wollen wir doch jetzt alle fest applaudieren." Tatsaechlich konnten sich einige der Fahrgaeste fuer den aufgeforderten Applaus entscheiden. Das strahlende Laecheln des Maedchens werde ich nicht so bald vergessen. Still und leise packte das Maedchen die Floete in die Tasche, stand auf und verliess bei der naeechsten Haltestelle den Bus mit dem frohen und hoffnungsvollen Weihnachtswunsch: "Freuet Eu uf d'Wiehnacht, denn wird naemlich de Jesus gebore!" Diesen Wuenschen moechte ich mich anschliessen. |
DieserText stammt aus dem Adventskalender 1999 der EDSA Schweiz |